Was bedeutet „fließend Thai“ für dich eigentlich?

Was bedeutet „fließend“ überhaupt? …

Wenn Leute übers Thailernen reden, fällt früher oder später fast immer das Wort „fließend“. Auch in ein paar Foren wird gerade genau darüber diskutiert (einfach mal googeln). Aber was bedeutet „fließend“ eigentlich genau? Als Amerikaner greife ich da auf das Merriam-Webster-Wörterbuch zurück.

flu·ent adjective ˈflü-ənt

Definition of FLUENT
1
a : capable of flowing : fluid
b : capable of moving with ease and grace

2
a : capable of using a language easily and accurately [fluent in Spanish] [a fluent writer]
b : effortlessly smooth and flowing : polished [a fluent performance] [spoke in fluent English]
c : having or showing mastery of a subject or skill [fluent in mathematics]

Ich hab schon mehr Ausländer getroffen, als mir lieb ist, die mir erzählt haben, sie kennen jemanden, der fließend Thai spricht. Meine Gegenfrage ist dann immer: „Woher willst du das wissen, wenn du selbst kein Thai sprichst?“ Ein paar von diesen Freunden hab ich später tatsächlich kennengelernt, und wenn ich sie bat, mal loszulegen, war von „fließend“ herzlich wenig zu hören.

Ich hab auch mit einem Typen gesprochen, der keinen Zweifel an seiner eigenen Thai-Fließendheit lässt, und behauptet, jeder Ausländer, den er unterrichtet hat, spreche mittlerweile ebenfalls fließend Thai. Zu seiner Verteidigung: Er spricht klar und präzise Thai für einen Ausländer. Sein Rhythmus und seine Betonung sind genau das, was ihn für Thais so leicht verständlich macht.

Ich würde sofort bei ihm lernen (so gut ist er), wenn er nicht eine Altersgrenze gesetzt hätte, und meiner Meinung nach bin ich da längst über das „Mindesthaltbarkeitsdatum“ hinaus. Und als wäre das nicht genug, hab ich es aus Gründen, die mir bis heute schleierhaft sind, irgendwie geschafft, ihn gegen mich aufzubringen.

Wer schon mal Thai gehört hat, weiß, dass es mit einem ganz bestimmten Rhythmus gesprochen wird. Bei mir gilt: Je mehr ich dieses charakteristische Tempo des gesprochenen Thai nachahme, desto besser verstehen mich Thais, selbst bei meiner etwas schrägen Version der Sprache.

Vor einer Weile hab ich mal einen Beitrag über Komma-Wörter im Thai gestartet. Geschriebenes Thai kommt ja ganz ohne Kommas aus, und Komma-Wörter sind die Stellen, an denen man vor oder nach einem Wort eine kleine Pause macht. Ich hab danach gefragt, weil die Lehrerin beim lauten Vorlesen in meinem Thai-Kurs regelmäßig Tränen in den Augen hatte, entweder weil sie sich das Lachen verkneifen musste oder weil es ihr schlicht wehtat, mir zuzuhören. Mittlerweile weiß ich, dass mein Fehler war, mitten in zusammengesetzten Wörtern oder an der falschen Stelle im Satz Luft zu holen. Wer den geschriebenen Text nicht mitlas, hatte also kaum eine Chance zu verstehen, was ich da sagte.

Zu meiner Verteidigung: Ich bin inzwischen deutlich besser geworden, allerdings nur, weil ich stundenlang Bücher laut vorgelesen habe, während ein thailändischer Freund halb zuhörend bei mir zu Hause rumhing und jeden Fehler sofort lautstark korrigierte. In mein gesprochenes Thai hat sich das (noch) nicht so richtig übertragen, aber immerhin klappt das laute Vorlesen inzwischen ganz gut. Wobei ich, wenn ich so drüber nachdenke, davon eigentlich gar nicht mehr so viel mache …

Aber zurück zum Thema Fließend-Sein. Was ist Fließendheit eigentlich, und was macht jemanden fließend? Irgendwo hab ich gelesen, dass es schon Fließendheit zeigt, wenn man in der Zielsprache nach der Bedeutung eines unbekannten Worts fragen kann. Bis zu einem gewissen Grad glaube ich das tatsächlich, weil ich das selbst ständig mache und den Nutzen davon spüre.

Ich hab auch gelesen, dass fließend ist, wer sich in der Zielsprache unterhalten kann, ohne in die Muttersprache zurückzufallen. Da bin ich mir nicht so sicher, das ist eine ziemlich weit gefasste Definition von Fließendheit. Ich unterhalte mich mit Taxifahrern, ohne je auf Englisch zurückgreifen zu müssen. Allerdings führe ich dabei immer dasselbe altbekannte Taxifahrer-Gespräch, das jeder hinbekommt, der auch nur ein bisschen Thai spricht. Nicht wirklich fließend. Und da man in solchen Situationen meist nur Fragen beantwortet oder ein Thema höchstens ein bisschen ausführt, ist das sprachlich auch keine große Herausforderung.

Anders sieht’s aus, wenn man mit Taxifahrern zum Beispiel über das neuere Gesetz spricht, wonach man Fahrer melden kann, die eine Fahrt ablehnen. Und wenn man dann anfängt, seine persönliche Meinung dazu loszuwerden, dass das Gesetz nicht fair ist, weil: 1) die Taxis gemietet sind und zu bestimmten Zeiten zurückgebracht werden müssen, 2) den Taxis unterwegs das Benzin ausgehen kann, gerade wenn das Fahrtziel weit weg liegt, 3) manche Ziele einfach nur ein Parkplatz und sonst nichts sind, und 4) die Taxameter-Tarife in Bangkok seit fast zehn Jahren nicht erhöht wurden, und so weiter. So ein Gespräch wäre dann schon ein gutes Stück fließender als das übliche Taxi-Geplauder.

Meiner Meinung nach liegt da ein riesiger Unterschied zwischen Fließendheit, je nachdem, ob man das Gesprächsthema selbst vorgibt oder ob der andere am Steuer sitzt. Ein Gespräch auf Thai bei einem Thema zu halten, bei dem man sich sicher fühlt, kann durchaus wie Fließendheit wirken. Zumindest so lange, bis das Gespräch vom Skript abweicht und man plötzlich hilflos dasteht, ohne noch ein Wort zur Antwort zu finden.

Fließendheit lässt sich außerdem in unzählige Bereiche aufteilen: Politik, Religion, Business oder jeder erdenkliche Fachjargon, lockere Unterhaltungen, Gespräche mit Vorgesetzten oder Untergebenen, Präsentationen in Meetings, und so weiter.

Ich hab kürzlich als Berater für eine thailändische Firma gearbeitet und hatte überhaupt kein Business-Vokabular, auf das ich hätte zurückgreifen können. Bei Prognosen, Verkaufszahlen, Schulungen und ganz normalem Büro- und Managementjargon war ich hoffnungslos abgehängt. Das war Vokabular, das ich vorher nie gebraucht hatte. Je nachdem, was man kommunizieren muss, lässt sich Fließendheit also nach ganz unterschiedlichen Maßstäben bewerten.

Nebenbei bemerkt: Zu Beginn des Beraterjobs kam meine lockere (und ziemlich derbe) direkte Art, Thai zu sprechen, bei den Leuten mit den beeindruckenden Titeln nicht so gut an. Mittlerweile haben sie sich aber an Todz-Thai gewöhnt und wissen, dass ich einfach so rede.

Ich glaube, worauf ich eigentlich hinaus will, ist: Für die meisten von uns wäre es besser, die ganze Idee von Fließendheit einfach über Bord zu werfen. Wenn es ums Thaisprechen geht, stecken wir viel zu viel Zeit und Energie in dieses mythische Fließend-Rating. Und im großen Ganzen bedeutet es meistens sowieso nicht besonders viel.

Wenn du dir schon etwas vornehmen willst, dann geh lieber in Richtung Flüssigkeit im Sprechen (die andere Bedeutung von „fluent“):

  • Pausier dort, wo auch Thais pausieren.
  • Sag Dinge eher so, wie Thais sie sagen würden.
  • Sprich mit dem Rhythmus und der Betonung, die Thais verwenden.

Und wer in Thailand lebt, kann sich diese Eigenheiten einfach aneignen, indem man den Thais im Alltag zuhört.

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Thai mit Thais zu sprechen ist keine Grammatik- oder Struktur-Prüfung. Niemand bewertet, wie gut du dich unterhalten kannst. Und die Thais, die ich kenne, ist es herzlich egal, ob ich mich um perfekt konstruiertes Thai bemühe oder bei meiner halbgaren Version bleibe. Was ihnen wichtig ist: dass sie verstehen, was ich sage.

Und noch etwas: Du solltest Thai nicht sprechen, um jemanden zu beeindrucken. Wenn du das tust, lernst du meiner Meinung nach Thai aus den völlig falschen Gründen. Denn am Ende des Tages geht es doch nur darum, mit Thais in ihrer eigenen Sprache in Kontakt zu treten, oder?

Um es abzuschließen: Nimm diese Sprache und dich selbst nicht zu ernst. Lass dich von anderen nicht runterziehen. Und falls deine Meinung von meiner abweicht: kein Problem. Ich bin kein Thai-Sprachexperte. Ich bin nur jemand, der sich seit über vier Jahren abmüht, ein einigermaßen brauchbares Thai auf die Beine zu stellen, um mit Thais zu kommunizieren.

Und weil manche mich für „alt“ halten, könnte ich glatt ein langsamer Lerner sein, weil „alte Leute können ja nichts mehr lernen“. Aber diesen Irrglauben werde ich widerlegen. Nicht um jemanden zu beeindrucken, sondern um zu beweisen, dass alte Hunde durchaus neue Tricks lernen können. Denn weißt du was? Dieser alte Hund jagt immer noch! Ja.

Tod Daniels | toddaniels at gmail dot com

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