Gängige thailändische Höflichkeitsformen für den Alltag

Geschrieben von: Hugh Leong

Heißt es nun Kun, Pêe, Aa-jaann oder Pôo yài Moo?…

Früher war es im Westen so, dass man jemanden erst dann beim Vornamen nannte, wenn man ihn schon eine ganze Weile kannte, und selbst dann nur, wenn man sich richtig nahegekommen war. Heute ist die junge Generation oft schon vom ersten Moment an per Vorname. In vielen Ländern mag das stimmen, aber in Thailand gibt es bei dieser Regel einen kleinen Haken.

Thais sind zwar grundsätzlich immer per Vorname unterwegs, weil sie auf Nachnamen verzichten, doch sie verwenden den Vornamen oder Spitznamen fast nie für sich allein. Fast immer hängen sie eine Art Anrede oder einen Beziehungstitel davor. Lässt man diese Höflichkeitsform weg, drängt man seinen thailändischen Bekannten womöglich eine Vertrautheit auf, die man sich noch gar nicht verdient hat.

Die häufigste dieser Höflichkeitsformen ist คุณ /kun/ (Herr oder Frau). Sie passt bei den meisten Menschen, könnte bei wirklich engen Vertrauten aber eine Spur zu förmlich wirken.

Ursprünglich war คุณ /kun/ ein königlicher Titel, der Respekt ausdrücken sollte. Später bekam das Wort die Bedeutung, die es heute hat. คุณ /kun/ kann auch „du“ heißen. Daher kommt das allgegenwärtige „hey you“, das für englischsprachige Ohren so schroff klingt. Durch die falsche Übersetzung glaubt derjenige, der „hey you“ ruft, womöglich, er sage einfach nur „hallo, mein Herr“.

Eine weitere Bedeutung von คุณ /kun/ ist Herr/Frau. Jahrelang nannte man mich „Mr. Hugh“ (vor allem, weil man auf Thai „Kun Hugh“ benutzt hätte). Als ich dann etwas älter wurde und meinen Master gemacht hatte, stieg ich zu อาจารย์ /aa-jaan/ (Lehrer) Hugh auf. Jetzt, wo ich im Ruhestand bin, nennt mich jeder (steckt da etwa eine Verschwörung dahinter?) ลุง /lung/ (älterer Onkel) Hugh. Solange sie nicht mit ตา /dtaa/ (Opa) Hugh anfangen, kann ich gut damit leben.

Viele Höflichkeitsformen, die zusammen mit unserem Namen verwendet werden, beschreiben entweder einen erreichten Status oder das Verhältnis zwischen uns und dem Sprecher. Altersverhältnisse spielen in Thailand eine große Rolle und bestimmen meist, welche Höflichkeitsform oder welcher Beziehungstitel gewählt wird. Ein Trick meiner Frau, wenn sie jemanden neu kennenlernt, lautet: „Übrigens, in welchem Jahr hast du deinen Abschluss gemacht?“ Die Antwort verrät ihr meist, ohne direkt nach dem Alter fragen zu müssen, ob sie älter oder jünger ist als ihr Gegenüber, und damit auch, welche Anrede passt.

In Thailand deuten Wörter, die wir im Westen nur für Familienmitglieder benutzen, häufig auf Altersverhältnisse hin. Da diese Verhältnisse wichtig sind, kommt es darauf an, das richtige Wort zu wählen. Genauso wichtig ist es, bei jemandem, der seinen Titel durch Bildung oder Beförderung erlangt hat, die korrekte Anrede zu verwenden.

In Chiang Mai (wo ich lebe) benutzt man für eine ältere Frau das Wort แม่ /mâe/ (Mutter). In anderen Teilen Thailands wäre es น้า /náa/ (jüngere Tante) oder ป้า /bpâa/ (ältere Tante). Meine Frau mag das Chiang-Mai-typische คุณ แม่ /kun mâe/. Ihr ist das deutlich lieber als das, was man in letzter Zeit immer öfter hört: คุณ ยาย /kun yaai/ (Großmutter). Stellt man kun vor eine andere Höflichkeitsform – wie in คุณ แม่ /kun mâe/ oder คุณ ลุง /kun lung/ –, verdoppelt man im Grunde die Ehre, die man dem Gegenüber erweist.

Den Namen einer Person allein hört man eigentlich nur, wenn man mit einem kleinen Kind spricht, manchmal mit einer Hausangestellten oder wenn junge Leute mit Gleichaltrigen reden. Aber selbst Hausangestellten steht ihre Anrede zu. Eine ältere Angestellte nennt man vielleicht ป้า /bpâa/ (Tantchen). Eine jüngere vielleicht น้อง /nóng/ (jüngere Schwester). Unsere Kinder sollten ihr Kindermädchen พี่ /pêe/ (ältere Schwester) nennen.

Was in meinen Ohren wehtut, ist, wenn ein Auswanderer einen Thai nur mit dem Vornamen anspricht oder über ihn redet. Zum Beispiel: „hallo Wichai“ und „wo geht Mali hin?“

Ein Tipp: Hör darauf, wie Thais miteinander reden. Achte mal darauf, wie oft Thais einander nur beim Vornamen nennen. Du wirst merken, dass das gar nicht so oft vorkommt. Und beobachte dann, wie oft man dich allein beim Vornamen anspricht. Du wirst feststellen, dass das nur Thais tun, die schon eine ganze Weile im Westen gelebt haben.

In Thailand klingt es höflicher, „hallo Kun Wichai“ und „wo geht Pêe Mali hin?“ zu sagen.

Probier also beim nächsten Mal, wenn du mit einem Freund sprichst oder ihn jemand anderem gegenüber erwähnst, eine passende Höflichkeitsform aus. Zum Beispiel Kun Somchai, Aa-jaan Somchai, Pêe Somchai oder Lung Somchai. Deine Zuhörer merken dann, dass du nicht nur die thailändische Sprache besser verstehst, sondern auch die Thais und ihre Beziehungen untereinander.

Gängige thailändische Höflichkeitsformen

Die folgenden Höflichkeitsformen hört man in Thailand täglich. Du kannst jede davon vor einen Vornamen oder Spitznamen setzen. Ach, noch ein letzter Haken: Das Wort „kun“ ist völlig in Ordnung, wenn man es mit dem Namen eines anderen benutzt, aber man verwendet es nicht für sich selbst. Ich kann mich Lung Hugh, Aa-jaan Hugh oder Pêe Hugh nennen, aber nicht Kun Hugh.

Auf die Höflichkeitsform folgt der Name oder Spitzname der Person. Ein paar Beispiele: Kun Catherine, Pêe Lek, Aa-jaan Jackson und Pôo yài Moo.

Herr/Fräulein/Frau: คุณ /kun/
Mutter: แม่ /mâe/
Vater: พ่อ /pôr/
Jüngeres Geschwister: น้อง /nóng/
Älteres Geschwister: พี่ /pêe/
Älterer Onkel: ลุง /lung/
Jüngere Tante: น้า /náa/
Ältere Tante: ป้า /bpâa/
Großmutter: ยาย /yaai/
Großvater: ตา /dtaa/
Arzt: หมอ /mŏr/
Lehrer: อาจารย์ /aa-jaan/
Professor: ศาสตราจารย์ /sàat-dtraa-jaan/
Dorfvorsteher: ผู้ใหญ่ /pôo yài/
Bürgermeister: นายก /naa-yók/
Gouverneur: ผู้ว่า /pôo wâa/
Chef: นาย /naai/

Im Zweifel (außer bei wirklich engen Freunden, bei deutlich Jüngeren oder bei Verwandten) ist คุณ /kun/ immer ein höflicher Ausweg.

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