Homeschooling in Thailand: Ressourcen, Lerngruppen, Materialien und mehr

In einem gemieteten zweistöckigen Haus in Bangkok füllt sich das geräumige Wohnzimmer: Eltern und Kinder trudeln ein, räumen Rucksäcke, Wasserflaschen und Lunchboxen in Fächer, auf denen ihre Namen stehen.

Ein Vater, von Beruf Ingenieur, stellt eine Kiste auf den Tisch: Batterien, Platinen, Kabel, Motoren, Räder, Stäbe und leere Papierrollenreste. Die Kinder drängen sich heran und begutachten die Elektronikteile, aus denen sie später Stromkreise und batteriebetriebene Autos bauen werden.

Die Familien treffen sich einige Male pro Woche in diesem Haus. Die Eltern wechseln sich ab und unterrichten die Kinder in Kochen, Lesen, Schreiben, Kunst, Mathe, Naturwissenschaften und sogar computerlosem Programmieren. Sie alle sind Homeschooling-Familien in Bangkok – und das Haus ist ihre gemeinsame Lerngruppe.

Homeschooling gewinnt in Thailand seit Jahren an Fahrt. Ob in der Hauptstadt oder in den entlegensten Ecken des Landes – immer mehr Familien entscheiden sich für diesen Weg als echte Alternative zur staatlichen Schule.

Vielleicht spielst Du mit demselben Gedanken. Bei der Fülle an Informationen im Netz kann es sich anfangs überwältigend anfühlen, die richtige Methode zu finden, die passenden Materialien auszuwählen und die nötige Zeit aufzubringen. Wie Du sehen wirst, muss Homeschooling aber gar nicht kompliziert sein.

Unsere Homeschooling-Familie

Wir sind nach Thailand gezogen, als unsere erste Tochter sechs Monate alt war – und von Anfang an war klar, dass wir Homeschooling machen würden. Darüber hatten wir schon gesprochen, als wir noch in Amerika lebten.

homeschool numbers
Beim Homeschooling lernen Kinder ganz nebenbei, miteinander zu kommunizieren.

In Thailand stießen wir anfangs auf Widerstand – vor allem von der Familie meiner Frau und Nachbarn, die falsche Vorstellungen von Homeschooling hatten oder dachten, wir könnten es uns schlicht nicht leisten, unsere Kinder auf eine Schule zu schicken.

Doch als meine Frau ihnen erklärte, dass wir unsere Töchter unabhängig von unserem Einkommen niemals auf eine Schule schicken würden, begann die Familie, unsere Entscheidung zu verstehen und zu respektieren.

Warum wir unsere Töchter zu Hause unterrichten

Familien in Thailand wählen Homeschooling aus den unterschiedlichsten Gründen: aus religiöser Überzeugung, aus finanziellen Überlegungen oder schlicht, weil sie ihren Kindern die bestmögliche Bildung mit den verfügbaren Mitteln bieten wollen.

homeschool math
Beim Homeschooling steht die Familie im Mittelpunkt – nicht externe Institutionen.

Meiner Meinung nach ist jeder Grund ein guter Grund, solange man es mit echten Absichten tut. Ich nenne Dir hier meine drei wichtigsten.

Erstens können wir in unserem eigenen Tempo lernen, und meine Töchter bekommen volle Aufmerksamkeit. Wenn sie an einem Tag etwas nicht verstehen, müssen wir nicht einfach weitermachen, weil ein Lehrplan oder ein Termin es verlangt.

Wir können langsamer werden, das Thema aus einem anderen Blickwinkel angehen oder eine Pause machen und den Stoff später erneut aufgreifen, wenn eine meiner Töchter überfordert ist.

Erfassen sie ein Konzept schnell, gehen wir weiter. Kurz gesagt: Wir nehmen uns so viel oder so wenig Zeit, wie wir brauchen – ohne dass jemand das Gefühl hat, die anderen aufzuhalten oder auf sie warten zu müssen.

In einer staatlichen oder privaten Schule mit großen Klassen wäre das deutlich schwieriger.

Zweitens können wir uns auf die Themen konzentrieren, die meinen Töchtern wirklich am Herzen liegen. Wir zwingen ihnen keine Fächer auf, nur weil sie in einem Lehrplan stehen, der nichts mit ihren Interessen zu tun hat.

Bildung bedeutet für uns vor allem Entdecken und Erkunden – wir folgen dem, was unsere Töchter von Natur aus neugierig macht.

Neben den Kernfächern wie Mathe und Sprache interessieren sie sich zum Beispiel für griechische Mythologie, Kunst, Astronomie, Landwirtschaft und Backen.

Wenn sich ihre Interessen verändern, verändert sich auch das, was wir lernen.

Was Themen betrifft: Wir können sie wirklich in die Tiefe gehen. Wenn wir Astronomie lernen, beschränken wir uns nicht auf ein Schulbuch über Sternkonstellationen.

Advertisement

Wir lesen darüber aus der Perspektive von Mathematikern, alten Griechen oder Künstlern. Und wenn die Luft in Bangkok klar genug ist, gehen wir nachts raus und suchen die Sterne am Himmel.

Drittens – und das ist vielleicht der wichtigste Grund – wollen wir unseren Töchtern zeigen, was es bedeutet, ein Leben lang selbstständig zu lernen.

Wir möchten, dass sie begreifen: Lernen hört nicht mit dem Schuljahr auf, nicht nach dem Abitur oder dem Studium, nicht nach einer Prüfung. Bildung ist etwas, das ein ganzes Leben begleitet. Indem ich gemeinsam mit meinen Töchtern lerne, hoffe ich, das mit meinem eigenen Beispiel zu vermitteln.

All das macht unser Familienleben erheblich reicher, als es wäre, wenn unsere Töchter acht Stunden in der Schule säßen, eine Stunde oder mehr im Schulbus verbrachten und abends noch Hausaufgaben machen müssten.

Lernmaterialien und Ressourcen finden

Früher war es gar nicht so einfach, die richtigen Ressourcen für den Heimunterricht zu finden. Ich habe stundenlang online nach dem perfekten Lehrplan, altersgerechten Themen und Materialien gesucht.

homeschool reading
Lernmaterialien findet man in Bangkok überall – von Buchhandlungen bis zu Märkten.

Mit der Zeit habe ich aber gelernt, das Beste aus den Möglichkeiten in Thailand herauszuholen. Im Folgenden stelle ich Dir einige Ressourcen vor, die wir als Familie nutzen.

Lehrpläne

Als erstes solltest Du entscheiden, welcher Lehrplan am besten zu Deiner Lebensweise und Deinen Bildungsvorstellungen passt.

  • Soll der Lehrplan religiös oder weltlich ausgerichtet sein?
  • Liegt der Schwerpunkt eher auf akademischen Fächern oder auf Kunst?
  • Oder gar kein fester Lehrplan?
  • Setzt Du auf digitale Medien oder gilt bei Euch eine Bildschirmfreie-Erziehung?

Vielleicht willst Du auch verschiedene Ansätze miteinander kombinieren. Um herauszufinden, was für Deine Familie funktioniert, musst Du nicht nur über Werte und Überzeugungen nachdenken – Du musst auch selbst ausprobieren.

Teste verschiedene Lehrpläne und schau, zu welchem Deine Kinder von Natur aus greifen. Überlege auch, welchen Du Dir selbst gut vorstellen kannst zu unterrichten.

Denn wenn der Lehrplan Dich selbst stresst, überträgt sich das auf die Kinder – und die Motivation ist schnell weg.

Für uns hat sich in den letzten fünf Jahren die Waldorf-Methode bei Sprache und Kunst als beste Wahl herausgestellt.

Für Mathe nutzen wir erzählbasierte Lehrpläne wie Life of Fred und gelegentlich Singapore-Math-Arbeitshefte.

Im Bereich Haushalt und praktische Fähigkeiten lehnen wir uns an die Montessori-Methode an. Was für unsere Familie am besten passt, haben wir erst nach Jahren des Ausprobierens – und gelegentlichen Scheiterns – herausgefunden.

Lernmaterial

Was das konkrete Material angeht: Homeschooling-Organisationen haben es inzwischen einfach gemacht, kostenlose und kostenpflichtige Lehrpläne sowie Unterrichtspläne herunterzuladen.

Besonders schätzen wir Waldorf Inspirations für die Lehrplanplanung – sie bieten eine lange Liste an kostenlosen Ressourcen. Für Sprache und Lesen nutzen wir gerne Well Trained Mind. Obwohl der Verlag aus den USA stammt, gibt es alle Materialien auch als PDF.

Wenn wir Bücher kaufen müssen, bestellen wir über Amazon (keine Einfuhrsteuern auf Bücher nach Thailand, schnelle Lieferung) oder kaufen bei Kinokuniya – unsere Lieblingsbuchhandlung in Bangkok, wenngleich die Preise dort etwas höher sind.

Homeschooling-Lerngruppen (Co-ops)

Homeschooling-Lerngruppen, auch Co-ops genannt, sind eine weitere großartige Ressource, die jede Homeschooling-Familie in Thailand nutzen sollte.

In einer Co-op können die Kinder Kurse belegen, die Du zu Hause nicht selbst anbieten kannst. Meine Töchter gehen zur The Vine Co-Op am Stadtrand von Bangkok.

Die Gruppe hat Familien aus den USA, Großbritannien, Südafrika, Australien, Singapur, Neuseeland, Thailand und weiteren Ländern. Meine Töchter lernen dort Kinder und Erwachsene aus der ganzen Welt kennen – das weitet den Horizont enorm.

Den einfachsten Einstieg bieten soziale Medien: Suche in Deiner Muttersprache nach Homeschooling-Gruppen in Deiner Gegend. Da Homeschooling-Familien in Thailand aus aller Welt stammen, bekommst Du meist eine gute Auswahl an Ergebnissen.

Als meine Frau nach Co-ops für unsere Töchter suchte, stieß sie auf Facebook zuerst auf „Little Footsteps“ im Bangna-Viertel in Bangkok. Von dort aus knüpfte sie Kontakt zu anderen Homeschooling-Familien und entdeckte immer mehr Gruppen – so kamen wir schließlich zu The Vine.

Rückblickend ist die Suche nach der richtigen Co-op wie so vieles in Bangkok: Je länger man hier lebt und je mehr man in der Stadt netzwerkt, desto mehr entdeckt man. Wichtig ist vor allem, irgendwo anzufangen.

Zeit einplanen

Wenn Leute erfahren, dass wir Homeschooling machen, kommen meist zwei Fragen: Wie findet ihr die Zeit dafür? Und: Unterrichtet Mama oder Papa?

homeschool spelling
Homeschooling kostet pro Tag weniger Zeit, als Kinder zur Schule zu bringen und wieder abzuholen.

Wir sind vielleicht eine Ausnahme, aber wir haben unser Leben bewusst auf Homeschooling ausgerichtet. Ich nehme selten Jobs an, bei denen ich regelmäßig von zu Hause weg wäre. Ich bin glücklicherweise größtenteils im Homeoffice tätig – das war allerdings ein Aufbau über mehrere Jahre.

Meine Frau arbeitet ebenfalls von zu Hause. Gleichzeitig kennen wir viele Homeschooling-Familien, in denen der Vater Vollzeit außer Haus arbeitet. Du musst also nicht Dein gesamtes Leben umkrempeln, um Dein Kind zu Hause zu unterrichten.

Was die Zeit betrifft: Ich verbringe ungefähr zwei Stunden pro Tag, vier Tage die Woche, mit meinen Töchtern – von acht bis zehn Uhr morgens. In dieser Zeit begleite ich sie durch Sprache, Kunst, Mathe, Naturwissenschaften, Geschichte und mehr.

Da wir die Waldorf-Methode verwenden, arbeiten wir in vier- bis sechswöchigen Blöcken, in denen wir uns auf ein Hauptfach und ein Nebenfach konzentrieren.

Gerade arbeiten wir zum Beispiel an einem sechswöchigen Sprachblock, der den Großteil unserer zwei Stunden füllt. Danach widmen wir uns etwa dreißig Minuten Mathe, gefolgt von Kunst. Wenn Mathe das Hauptfach ist, dreht sich die Reihenfolge entsprechend um.

Wenn ich fertig bin, arbeite ich weiter, und meine Frau übernimmt: Sie beaufsichtigt die Kinder beim Erledigen von Haushaltsaufgaben wie Wäsche, Spülen und Aufräumen. Nach dem Lernen und den Haushaltsaufgaben haben die Mädchen Freizeit – müssen aber selbstständig lesen.

Abends nutzen wir die Vorlesezeit vor dem Schlafen bewusst: Wir wählen Bücher, die mit dem verbunden sind, was die Mädchen tagsüber lernen.

Außerdem gilt: Wer lebenslang lernende Kinder begleiten will, denkt nicht in Schulstunden zwischen acht und vier Uhr. Lernen passiert jeden Tag, überall.

Beschäftigt ihr Euch mit Kunst und Handwerk? Macht einen Ausflug nach Koh Kret und schaut einem Töpfer beim Brennen zu. Erklärt beim wöchentlichen Taschengeld Mathe und Finanzwissen. Lernt ihr gerade Vögel kennen? Verbringt ein paar Tage beim Vogelbeobachten in den Bergen von Nakhon Nayok.

Selbst das Abendessen kann für Homeschooler lehrreich sein. Themen im Alltag zu verankern macht es für meine Töchter leichter, sie zu verstehen – und spart mir obendrein Zeit.

Einen Lernbereich einrichten

In den letzten sieben Jahren haben wir in den verschiedensten Wohnungen in Bangkok gelebt – von 64-Quadratmeter-Condos bis zu mehrstöckigen Einfamilienhäusern. Egal wo wir waren, wir haben immer einen festen Platz fürs Homeschooling gefunden.

Manchmal war es ein ganzes Zimmer, manchmal nur ein Bücherregal, ein Tisch und zwei Stühle. Es kommt nicht darauf an, was man hat, sondern was man daraus macht.

Entscheidend ist, dass man irgendwo einen – wie auch immer großen – Bereich fest für das Homeschooling reserviert. Er dient als Treffpunkt für den Tag und beherbergt alle Materialien.

Beim Lernen wechseln wir den Ort ständig: Küchentisch, Sofa, Boden, draußen. Wir bleiben nie zu lange an einem Platz. Für Mathe setzen wir uns an den Küchentisch.

Wenn wir lesen, wechseln wir aufs Sofa. Wenn Züge, Schienen oder Bausteine in eine Lektion eingebaut sind, sitzen wir auf dem Boden. Für Naturkunde und Geografie geht es nach draußen.

Aktuell wohnen wir in einem Condo und haben trotzdem genug Platz. Wir nutzen eine Tafel und ein Whiteboard, die wir an Haken oben am Bücherregal befestigen.

Wenn sie nicht gebraucht werden, schieben wir die Tafeln hinter das Sofa. Wir haben Weltkarten in Röhren, die wir bei Bedarf ausrollen. Ein großer Klapptisch dient als Kunststation und kommt in der Küche unter, wenn er nicht gebraucht wird. Noch einmal: Es kommt nicht auf den Platz an, sondern darauf, wie man ihn nutzt. Man muss kreativ sein.

Advertisement

Leben nach dem Homeschooling

Für uns steht der Wechsel unserer Töchter in eine staatliche oder private Schule gerade nicht im Vordergrund. Aber wir haben viele Familien kennengelernt, die ihre Kinder zunächst zu Hause unterrichtet haben und sie später dann auf eine Schule geschickt haben.

homeschool writing
Studien zeigen immer wieder: Homeschooling-Kinder entwickeln sich im späteren Leben überdurchschnittlich gut.

Eine Familie aus Neuseeland hat ihre Kinder in den ersten Jahren zu Hause unterrichtet – eines davon bekam später ein Stipendium für eine internationale Privatschule in Bangkok. Eine Australierin unterrichtete ihre Kinder bis zur 12. Klasse zu Hause; mehrere studierten danach an der Universität ihrer Wahl in Australien.

Homeschooling bedeutet nicht, dass Kinder für immer vom staatlichen oder privaten Bildungssystem abgeschnitten sind. Im Gegenteil.

Immer mehr Universitäten und Hochschulen nehmen Homeschooling-Bewerber auf, und viele haben inzwischen klare Zulassungsrichtlinien speziell für diese Gruppe. Ein Beispiel dafür sind die Richtlinien des Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Und jetzt Du

Homeschooling in Thailand muss also gar nicht so schwierig sein.

Mit den richtigen Ressourcen, einigen Stunden voller Aufmerksamkeit an mindestens vier bis fünf Tagen pro Woche und der Bereitschaft, gemeinsam mit Deinen Kindern zu lernen, kannst Du noch heute beginnen.

Es ist vielleicht nicht immer der einfachste Weg – aber am Ende ist er der lohnendste. Nicht nur für Deine Kinder, sondern auch für Dich als Elternteil.

Sponsored
Questions About This Article?
Please post them in our Reddit community at /r/expatden.
Read in Other Languages
This article is also available in:
English English:
Homeschooling in Thailand: Resources, Co-ops, Materials, and More